- Allgemein (22)
- 8.2.2008: Wie werde ich kreativ, wenn ich kreativ werden muss?
- 8.2.2008: παράπλευρες απώλειες....
- 8.2.2008: όταν η τέχνη θυμώνει!!!!
- 11.3.2007: Blogroll:
- 4.3.2007: Ein Link zum Lachen...
- 3.3.2007: Ein Jahr ist es her...
- 3.3.2007: Ένας χρόνος πέρασε - άλλαξε κάτι; Ή απλά τα ξεχάσαμε όλα;
- 21.2.2007: Parken ist Glückssache - Rücksicht leider auch
- 16.2.2007: 9 Jahre danach - die vaterlose Gesellschaft wächst immer noch..
- 16.2.2007: second life? - why? warum? γιατι;
Pressefreiheit in Griechenland
Das folgende Interview mit Liana Kanelli zeigt, wie Presse und Politik im Süden der EU verflochten sind.
Politik, Pressearbeit und Leben in Griechenland
Liana Kanelli ist ein führendes Mitglied der Fraktion der griechischen
kommunistischen Partei, ohne Mitglied der Partei zu sein. Sie gilt in der Bevölkerung
als de facto Parteiführerin der Linken.
Sie ist Journalistin, Rechtsanwältin und Verlegerin. Sie zählt zu den bekanntesten
Bürgern Griechenlands und gab uns mit folgendem Interview einen tiefen Einblick in
ihre Arbeit, ihre politischen Ansichten, ihre Beweggründe und die griechische
Medienlandschaft.
Liana Kanelli antwortete auf unsere Fragen mit der in Griechenland üblichen
Emotionalität, die auch in der deutschen Übersetzung erhalten bleibt. Die für
deutsche durchaus drastischen Formulierungen der Sachverhalte gehören in
Griechenland zum Alltag.
B-J: Frau Kanelli Sie sind in Griechenland sehr bekannt als resolute, streitbare
Journalistin. Ihre furchtlose Arbeitsweise könnte als Definition für den
griechischen Ausdruck „Tsampouka“ dienen. Wie würden Sie selbst einem
Unbekannten gegenüber Liana Kanelli beschreiben?
Ihre Definition ist sehr treffend. Ich möchte aber betonen, dass es sich um
eine reife Entscheidung handelt. Ich bin in kleinbürgerlichen Verhältnissen
aufgewachsen.
Meine Mutter gab mir den Rat, dass wenn ich im Leben etwas erreichen
wollte, nicht mit dem Strom schwimmen dürfte. Sie machte mir bewusst,
dass ich meine Kleidung, meine Ausflüge kurz mein Leben von eigenen
Entscheidungen abhängig machen müsste und nicht von
Modeerscheinungen.
Eine derartige Erziehung ermöglicht es, auch im Mediensystem die
Trojanischen Pferde zu erkennen, sie gibt die Kraft auch Zeiten der
Arbeitslosigkeit zu überstehen, und ohne auf staatliche Beihilfen zu hoffen
stets nach neuer Arbeit zu suchen.
Das griechische Mediensystem ist voll von Menschen, die in Ihrer Jugend
politisch links waren, mit Geldern von der Kommunistischen Partei
ausgebildet wurden und nach erfolgter finanzieller Absicherung die
Kommunistische Vergangenheit als „Jugendsünde“ darstellen.
Wenn ich mich beschreibe, verwende ich oft den Vergleich mit Daniel
Cohn-Bendit, der „rote Danny“ hat sich im Laufe der Jahre zu einem
grauschwarzen Herrn Cohn-Bendit gewandelt.
Ich habe mein Leben als Konservative gestartet, als Teil der von Lenin so
bezeichneten „nützlichen Idioten“ und habe mich mit vierzig dazu
entschlossen „rote Schuhe“ anzuziehen. Ich kann also meine linke
politische Eigenstellung nicht als Sünde bezeichnen, es war eine reife
Entscheidung, ich bin „Ein reifes Kind des Zorns“.
Es ist durchaus leichter ein System zu kritisieren, wenn man zuerst selbst
Teil dieses Systems war.
B-J: Sie sind bekannt als leidenschaftliche Frau, die das Leben liebt und die ihre
Meinung vehement vertritt. Ist dies der Auslöser für ihre vielseitige Arbeit in Politik
und Medien?
Sehen Sie, seit Geburt „leide“ ich an dem Syndrom, dass mich der nächste
Tag nicht interessiert.
Ich hatte darüber hinaus während der rechten griechischen Militärdiktatur
das Glück das amerikanische College in Athen zu besuchen, dabei waren
meine Lehrer aus den USA als „Linke“ nach den Vorgängen von Berkeley
vertrieben worden.
Die Lehrer haben mich, ohne es selbst zu merken, in eine eigene 68er-
Revolution eingeführt, eine Revolution ohne Europäische Orientierung,
freier und intellektueller.
Ich verachte eine Gesellschaft, in der es lediglich darum geht, den „Tag
danach“ zu sichern. Eine Gesellschaft, in der jeder davon träumt, dass er
eine Katastrophe in einem sicheren Bunker lange überleben kann und
dann, wenn die Katastrophenwirkung vorbei ist aus seinem Schlupfloch
kommt.
Nein! Meine Leidenschaft für das Leben, die Sie richtig bemerkten, treibt
mich dazu alles Mögliche zu tun, damit es keinen Katastrophenfall gibt.
Der Gedanke, ich könnte eine Katastrophe überleben und danach
feststellen, dass alles was ich liebe nicht mehr existiert und ich allein mit
einigen wenigen Affen auf der Erde hause, ist für mich ein Alptraum. Und
ich liebe vor allem die Menschheit.
Es heißt einen Atomschlag würden lediglich die Küchenschaben
überleben. Ich denke, dass Menschen die wissentlich einen Atomkrieg,
eine katastrophale Reaktorpanne oder eine Naturkatastrophe in Kauf
nehmen, und ihr eigenes Überleben dabei sicher, den Küchenschaben
nicht unähnlich sind.
Darüber hinaus habe ich ein instinktives Verlangen danach, ein Antistar zu
sein. Ich empfinde es nicht als Erfolg, wenn andere darüber entscheiden,
was an meinem Handeln erfolgreich ist.
B-J: Es fällt auf, dass Sie im Fernsehen stets mit einer Zigarette und einer Tasse
Kaffee auftreten, denken Sie gar nicht an Ihre Vorbildfunktion?
Das Rauchen ist eine politische Aussage. Ich habe selbst meinen Ärzten
gegenüber betont, dass selbst wenn ich jemals mit dem Rauchen aufhören
sollte, ich doch stets im Fernsehen mit einer Zigarette auftreten werde.
Denn ich möchte demonstrieren, dass ich mich keinem Zwang beugen
werde.
Ich betrachte es als Zwang, wenn Statistiken und ökonomische
Berechnungen darüber entscheiden sollen, wie ich zu sterben habe. Als
die BBC mich in einem Interview fragte, warum ich trotz Rauchverbots
rauchen würde, dass Rauchen ein langsamer Tod sei, habe ich
geantwortet, dass ich mich nicht beeile zu Sterben.
Gut, ich rauche vor allem weil es mir selbst gefällt, aber beim Gedanken an
den Tod denke ich vor allem daran, dass z.B. der 13 jährige Junge in
Alexinac in Jugoslawien keine Möglichkeit hatte über seinen Tod zu
entscheiden.
Der Tod kam für ihn durch eine Bombe der Natostreitkräfte. Ich finde es
bigott hier über das Rauchen und dessen Gesundheitsgefahr zu
diskutieren, während anderenorts Menschen durch unsere Bomben
sterben.
Ich ziehe dem Bombentod einen Tod durch das Rauchen vor und bin
durchaus gewillt auch dafür ins Gefängnis zu gehen, sollte Rauchen eines
Tages als Straftat gelten.
Es ist für mich unvorstellbar in einer Gesellschaft zu leben, in der ich brav
meine Steuern zahle, zusammen mit den Nichtrauchern eine Regierung
wähle und dann akzeptieren soll, dass die Regierung, die auch mich
repräsentiert, mich am Rauchen hindern soll.
Die Raucherdebatte ist für mich ebenso widersprüchlich wie die
Firmenpolitik von BAYER. Zunächst wurde Heroin verbreitet und nach dem
Verbot wurden weltweit mit Aspirin die Umsatzeinbußen ausglichen.
B-J: Sie haben in Griechenland für das staatliche Fernsehen und die privaten
Rundfunksender, darüber hinaus sind Sie Verlegerin. Welche dieser Tätigkeiten
betrachten Sie vom journalistischen Standpunkt aus betrachtet als erfolgreich im
Sinne Ihrer Ziele?
Ich habe alle privaten Rundfunkanstalten als Journalistin „eingeweiht“. Den
ersten privaten Radiosender ebenso wie den ersten privaten
Fernsehsender. Stets wurde ich als journalistische Frontsprecherin
engagiert.
Was nun meine Verlegertätigkeit angeht, habe ich eine eigene Zeitschrift,
Nemesis. Wie sehr die Zeitschrift tatsächlich mir gehört weiß nur Gott. Die
Zeitschrift habe ich zusammen mit Kollegen gegründet, nachdem zwei
Ereignisse mein Leben erschütterten. Einerseits die Imia Krise, die fast zu
einem Griechisch-Türkischen Krieg geführt hätte, anderseits, der Tod
meines Vaters vier Tage nach Abschluss der Krise.
Mein Vater hat Jahre in deutschen Konzentrationslagern verbracht, ohne
jüdischen Glaubens, Mitglied einer linken Partei oder organisierter
Widerstandskämpfer zu sein. Er wurde festgenommen, ganz einfach, weil
er einen Freund nicht denunzieren wollte. 1947 ist er zu Fuß aus
Deutschland nach Hause gekommen und fand in Griechenland sein
eigenes Grab vor, denn er war zwischenzeitlich für tot erklärt worden.
Er fand auch seinen Freund lebend vor aber ebenso den Denunzianten,
der ihn damals ins KZ geschickt hatte, in ehrbarer Position.
Ich habe daraufhin „Nemesis“ geschworen, [Nemesis= strafende oder
vergeltende Gerechtigkeit]. Das Logo von Nemesis ist eine ionische Münze
aus dem 9. Jh. vor Christus. Nemesis dient einen Gedanken, der
Gerechtigkeit.
Denn wie Aristoteles schon lange vor Huxley und Orwell bemerkte:
„Wenn die Menschen die Lüge als Wahrheit betrachten werden und den
Worten die sie aussprechen andere Bedeutungen zuschreiben als sie
ihrem Gesprächspartner sagen, dann werden die Götter sich auf den
Olymp zurück ziehen und die Menschheit ihrem Schicksal überlassen.“
Nemesis soll der Wahrheit und der Gerechtigkeit dienen. Ich bewundere
die Armenier, die das Attentat gegen Talaat Pascha, einem der
Hauptverantwortlichen des Genozids an den Armeniern die dem
Kodenamen „Operation Nemesis“ bezeichnet haben.
Ich musste schließlich selbst Herausgeberin werden, denn das, was ich
veröffentlichen wollte, wollte kein anderer drucken.
B-J: Das heißt, jetzt fühlen Sie sich journalistisch frei?
Wissen Sie um zu der vorherigen Frage zurück zu kommen, sicher die
Zeitschrift gibt mir viele Freiheiten. Aber was ich nicht zu träumen gewagt
hätte, die politische Funktion gibt mir noch mehr journalistische Freiheiten.
Denn plötzlich kann ich all das, was ich schon immer sagen wollte, in
jedem Fernsehsender sagen. Alles, und zwar ohne dass ich danach
Probleme mit einem Redakteur bekomme.
Denn jetzt repräsentiere ich nicht mehr einen Sender, sondern eine Partei.
Eine Partei, die nach Meinung der Sendeleiter nicht nach
Regierungsmacht streben kann. Ich sorge für hohe Einschaltquoten, mein
Auftritt beschert den Sendern hohe Werbeeinnahmen und wird auch gerne
als Beispiel für eine Meinungsvielfalt vorgebracht. Alle sind plötzlich
zufrieden mit der einst so bösen Frau Kanelli.
Kurz, ich kann jetzt endlich die Presse- und Meinungsfreiheit vollständig
genießen. Allerdings werde ich jetzt für meine journalistischen Recherchen
nicht mehr bezahlt….
B-J: Wie beurteilen Sie allgemein die Freiheit der Presse, in Griechenland und in
der übrigen Welt?
In Griechenland benutzen wir für die Beschreibung der Presse oft den
Ausdruck „Yellow Press“. Seit der Staatsgründung gilt diese Beschreibung
für die Presse Griechenlands. Die einzige griechische Zeitschrift, die
meiner Meinung nach unabhängig von finanziellen Interessen Dritter ist, ist
der Regierungsanzeiger. Der aber druckt nur die Beschlüsse der jeweiligen
Regierung.
Seit der Staatsgründung Griechenlands haben wir mehr oder weniger
einflussreiche „Citizen Caine“. Es gilt ganz einfach der Grundsatz, dass
derjenige, der das Geld hat, auch eine Druckerei, Papier und einige
Journalisten kaufen kann.
Ich bin hoffnungslose Romantikerin, doch die Zeit der Romantik, in der
man sich vorstellen konnte, dass jemand ein Medium gründet um einem
höheren Zweck als dem Mammon zu dienen ist lange vorbei.
Ich vergleiche die griechische Presse gerne mit Napster. Napster wurde
als Netzwerk für den freien Musiktausch „gegründet“. Jetzt zahlen die
einstigen Internetkids mit ihrer Kreditkarte. Nun wird der Erwerb einer
Musikproduktion dreifach belastet, durch die Produktion der CD, durch den
zu finanzierenden Verkaufsapparat, sowie durch die ebenfalls
kostenpflichtige Onlinezeit.
B-J: Wie haben Sie es geschafft, in dieser Medienlandschaft, die Sie
beschrieben haben, zu überleben?
Das hat mehrere Gründe. Griechenland ist ein kleines, überschaubares
Land, und ich gehörte zu einer mittelständischen städtischen Familie, das
gab mir einen gewissen Schutz. Die Stadtbürger Griechenlands wurden
bisher nie verfolgt. Verfolgt wurden die Landbürger und die Arbeiterklasse.
Da darüber hinaus die Arbeiterklasse die meisten Journalisten
hervorgebracht hat, konzentrierte sich das politische System auf diese
Gruppe. Heute sind drei viertel der Rundfunkdirektoren ehemalige
Kommunisten, die nun neoliberale Positionen vertreten. Sagt Ihnen das
etwas?
Ich war die Ausnahme, eine die gegen den Strom schwamm und genoss
daher eine Art Artenschutz. Darüber hinaus hatte ich einen weiteren
Trumpf, ich bin eine Frau, während die meisten Journalisten in meiner
Anfangszeit männlich waren.
Jetzt als Politikerin, genieße ich im Gegensatz zu vielen Politikerkollegen
wieder Artenschutz. Denn ich gehöre weder zu denen, die sich über die
Politik profilieren müssen, ich war vorher schon prominent. Noch habe ich
es nötig gehabt mit der Politik Geld zu verdienen, denn als Journalistin
verdiente ich mehr.
Es ist bezeichnend, dass mir Kollegen vom Rundfunk vorgehalten haben,
ich wäre in einer Klimakteriumskrise, und würde deshalb plötzlich für die
kommunistische Partei in die Politik gehen. Zunächst war ich sogar für
mehr als zwei Jahre Persona non grata bei den großen Sendeanstalten.
Das hat sich allerdings schnell geändert, da die kleineren Sender in dem
kleinen Land gleiche Reichweiten haben, und plötzlich sehr hohe
Einschaltquoten hatten, wann immer ich auf den Bildschirmen war.
B-J: Könnte man das Phänomen Kanelli auch auf deutsche Kollegen übertragen?
Der Journalismus in Deutschland sieht sich mehr und mehr durch die
Konzentration der Medien auf wenige Verleger in seiner Freiheit bedroht.
Nein, das ist nicht möglich. Deutschland ist zu groß. Ein wahrhaft
unabhängiger Journalismus kann höchstens unter sehr schwierigen
Bedingungen mit einer Guerilla-Taktik in Nischen überleben. Um es hart
auszudrücken, es geht im Prinzip nicht darum, dass Journalisten finanziell
überleben, sondern darum dass der Journalismus als solches überlebt.
Die europäische Gesetzgebung nach den Maastrichter Verträgen schützt
vor allem die Unternehmer, die als Investoren auftreten. Ein romantischer
Journalist, der seinen Idealen treu bleiben möchte und daher gegen den
Strom schwimmt, wird sehr tiefe finanzielle Einbußen hinnehmen müssen.
Die Medienkonzentration ist doch nicht das einzige Problem. Wenn eine
Person einen Fernsehsender, ein Radio und eine Zeitung besitzt hat er
nicht unbedingt Macht. Macht erlangt er dadurch, dass er in – selbst wenn
er nur ein einziges Medium besitzt – in seinem Medium Menschen
beschäftigt, die nicht nur für ihn arbeiten, sondern kritiklos für ihn
sprechen. Dann gibt es tatsächlich die Gefahr einer mafiösen Struktur.
Ich vergleiche die Situation mit der Mafia, weil die Mafia als solche ein
interessantes Studienobjekt darstellt. Wir können viel über
Machtkonzentration lernen, wenn wir die Methoden der Mafia untersuchen.
Denn, in dem Moment in dem der Staat die Einkommensgrundlage der
Mafia zerstörte, indem er z.B. die Prostitution besteuerte, und die Drogen
legalisierte, sah sich die Mafia gezwungen selbst die Repräsentation in
staatlichen Stellen zu suchen. Das Gleiche sehen wir nun in weltweiten der
Medienlandschaft.
In Griechenland sind wir leider einen Schritt weiter, hier ist es nicht mehr
nötig, sich in Medienkonzerne einzukaufen, um die Politik des Landes zu
beeinflussen. In Griechenland kann bald nur derjenige Abgeordneter
werden, der über genügend finanzielle Mittel verfügt.
Für die Meinungsbeeinflussung in Griechenland reicht ein einziges
Medium durchaus.
B-J: Wie beurteilen Sie selbst die jüngste Skandalserie. Die komplette Regierung,
Oppositionspolitiker, die militärische Führung und Bürger wurden abgehört. Im
Rahmen der Terrorbekämpfung wurden mehrere unschuldige Pakistanis unter
Beteiligung britischer Geheimdienstmitarbeiter verschleppt. Wie sehen Sie die
Rolle der Medien?
Griechenland befindet sich in einem Übergangsstadium. Nachdem der
britische Offizier Russel Saunders von den Terroristen des 17. November
erschossen wurde, sind wieder ins Blickfeld der britischen Geheimdienste
gelangt. Die britischen Geheimdienste waren bereits vor 1947 intensiv in
Griechenland tätig, wurden aber von den Amerikanern abgelöst. Aktuell
haben die Amerikaner kaum ein Interesse an Griechenland. Amerikas
Interessen sind weiter östlich konzentriert.
Ich sehe die ganzen Skandale in einem globaleren Zusammenhang,
schließlich sind schwedische Firmen, englische Unternehmen und
Amerikaner daran beteiligt. Alle Beteiligten Firmen sind außerhalb der
Eurozone beheimatet.
Ich denke, dass es sich nicht um ein plötzliches Interesse an Griechenland
handelt, sondern eher um ein Interesse an einem turnusmäßigen
Weltsicherheitsratsmitglied aus der Eurozone.
Ich frage mich nach dem Nutzen der Skandale und vor allem nach dem
Nutzen, der aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung darüber gezogen wird.
Seit mehr als 11 Monaten war der Regierung der Abhörskandal bekannt,
jetzt wird er plötzlich publiziert. In dem ganzen Chaos um den
Abhörskandal ist vollkommen untergegangen, dass die Regierung mit
Microsoft einen Exklusivvertrag über die Betriebssysteme aller
Behördencomputer geschlossen hat. Es wurde gar nicht bemerkt, dass ein
Vertrag mit Gazprom über eine Gaspipeline geschlossen wurde.
Selbst die ökonomische Politik der Regierung hinsichtlich der
Lohnerhöhungen, die immer ein sehr heißes Thema war, ist überhaupt
nicht beachtet worden. Zum ersten mal in der Geschichte wurde einfach
eine per Fax geschickte Pressemitteilung der Regierung unkommentiert
veröffentlicht.
B-J: Könnten Sie sich vorstellen, in einem anderen Land als Griechenland zu
Leben? In einem Land, dass Ihnen all das bietet, was Ihnen in Griechenland
fehlt?
Bis heute halte ich mich an den Nobelpreisträger Odysseas Elyti, „Heimat
ist meine Sprache“. Ich fühle mich überall dort zuhause, wo ich mich
verständigen kann. Die Sprache ist die letzte Identitätsbastion einer
Nation. Daher geben die mächtigeren Staaten mehr Geld für die
Verbreitung Ihrer Sprache aus als die kleineren. Ich lebe in einem Land mit
gigantischem Kulturerbe, mit einer deutschen, einer englischen und einer
amerikanischen archäologischen Schule vor Ort. Es gibt ein Goethe
Institut, amerikanische Schulen, British Institute, alle sind hier vertreten. Es
gibt aber keine griechische Ausgrabungsgruppe in Utah.
Sie können keinen Geheimagenten finden, der in einem fremden Land
ohne die Mithilfe Einheimischer arbeiten kann, nicht weil er etwa unfähig
ist, sondern weil er sich ganz einfach mit dem Volk nicht verständigen
kann.
Es ist einfach ein Volk zu erobern, es zu unterdrücken erfordert jedoch die
Kenntnis von Kultur und Sprache. Das gilt überall. Man sollte nicht
vergessen, dass zum Beispiel Stalin im Vielvölkerstaat Sowjetunion
zunächst Kommissar für Nationalitätsfragen war.
Es verwundert nicht, dass direkt nach dem Zerfall der Sowjetunion
Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Georgien usw. entstanden. Die
Nationen haben das zentralistische System Dank des Erhalts ihrer
Sprachen überlebt.
Ich denke, dass auch die USA in naher Zukunft ein Minderheitenproblem
mit der spanischsprachigen Bevölkerung haben werden.
B-J: Stichwort, Olympische Spiele 2004 in Athen. Was haben die Spiele in
Griechenland bewirkt? Hat sich die politische und ökonomische Situation der
Griechen verbessert.
Kanelli: Admiral von Canaris hat angeblich im Zweiten Weltkrieg den
Befehl, Griechenland zu erobern, mit den Worten „Es gibt kein
Griechenland, es gibt nur Griechen“ kommentiert.
Sie Fragen nach dem Nutzen für Griechenland? Welches Griechenland?
An den Spielen haben einige Unternehmer verdient, die Griechenland
scheibchenweise verkauft haben.
Der einfache Bürger hatte keinen Vorteil. Wurden privat Zimmer vermietet,
lieben die Ausländer plötzlich Griechenland? Sind die Griechen im Ausland
nun selbstbewusster als vorher? Hat jemand etwas über Griechenland
gelernt?
Diese volksfestartige Kommerzveranstaltung habe ich bereits bei der
Vergabe an Athen kritisiert. Am Tag, an dem Griechenland den Zuschlag
der Spiele erhielt, war ich als Journalistin in Moskau um dort ein
Musikkonzert eines griechischen Künstlers zu besuchen. Ich brach bei der
Nachricht in Tränen aus.
Die anwesenden russischen Kollegen dachten ich würde wegen des Todes
von Lady Diana, die zwei Tage vorher beerdigt wurde, weinen.
Es ist doch charakteristisch, dass es den griechischen Zuschauern beim
Fackellauf untersagt war, griechische Fahnen zu schwenken. Stattdessen
wurden die Fähnchen der Sponsoren verteilt.
B-J: Und was ist mit den für die Spiele in Athen angebrachten
Überwachungssystemen geschehen?
Die Kamerasysteme sind geblieben. Angeblich werden damit
Verkehrsverstöße, Terroristen und Agenten aufgespürt. Jeder
Bürgermeister, der sich gegen die Totalüberwachung wendet, hat
Probleme mit der Justiz. Ich weiß nicht, ob unter diesen Umständen eine
Firma wie Vodafone für die Verwicklung in den Abhörskandal angeklagt
werden kann.
B-J: Was wünschen Sie sich für Europa und Griechenland? Was sind Ihre
persönlichen Wünsche für die Zukunft.
Persönlich habe ich keinen Ehrgeiz. Ich möchte nicht Anführerin eines
Trends werden, ich möchte vielmehr als Anhänger einer Idee. Ich möchte
selbst mit 52 noch die Welt verbessern, aber niemand kann so etwas
alleine durchführen.
Ich träume von einem wirklich demokratischen Europa, ohne Spur von
Feudalsystemen. Dabei habe ich einen persönlichen Traum, ich würde
gerne eine Organisation gründen, die sämtliche Adelstitel und
Adelsfamilien abschafft. Kein „von“, „van“ oder „Sir“ mehr, auch nicht in
übertragenem Sinn.
Denn selbst in angeblich ständefreien Staaten, wie den USA gibt es
mittlerweile Adelssysteme, den Kennedy Clan, die Familie Bush – wir
Griechen haben die Familien Papandreou und Karamanlis. Das alles
erinnert an eine weltweite Reality-Show-Verfilmung der Fernsehserie
„Denver Clan“.
Ich möchte in diesem Europa, von dem ich träume, einen Kaffee mit einem
deutschen Kollegen trinken können und mit moderner elektronischer
Übersetzung-Technologie, welche die Sprachbarriere überwindet einen
freien Informationsaustausch führen.
Ich bin immer noch Anhängerin der Chaostheorie, und hoffe immer noch
inständig, dass ein kleiner Schmetterlingsflügelschlag hier die ganze Welt
verbessern kann.
B-J: Was möchten Sie den deutschen Lesern zum Abschluss auf den Weg
geben? Sie wissen, in Deutschland gibt es mittlerweile eine CDU Kanzlerin. Wie
kommentieren Sie das? Wie haben Sie die Wiedervereinigung empfunden?
Ich bin gläubige Christin, allerdings in einer sehr eigentümlichen Form. Zu
Zeiten der Christenverfolgung wäre ich sicherlich auch verfolgt worden. Ich
habe mal gehört „Christus lebt, Marx ist tot“, ich fürchte oft, dass Christus
lange vor Marx gestorben ist.
Als zum Beispiel der Papst starb, hat er mehr als einen einfachen Mantel
als eigenen Besitz ins Grab mitgenommen. Stalin aber, besaß nur seinen
Mantel.
Ich bewundere die deutsche Sprache und liebe den Satz von Goethe:
„Licht mehr Licht!“. Man könnte den Satz als mein Lebensmotto nehmen.
Frau Kanelli, wir danken für das Gespräch.
Das Gespräch führte: Karl Wassilios Aswestopoulos
Antwort schreiben
Sie müssen als angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.