Archive für 7.2.2007

Pressefreiheit in Griechenland

Das folgende Interview mit Liana Kanelli zeigt, wie Presse und Politik im Süden der EU verflochten sind.  

Politik, Pressearbeit und Leben in Griechenland

Liana Kanelli ist ein führendes Mitglied der Fraktion der griechischen

kommunistischen Partei, ohne Mitglied der Partei zu sein. Sie gilt in der Bevölkerung

als de facto Parteiführerin der Linken.

Sie ist Journalistin, Rechtsanwältin und Verlegerin. Sie zählt zu den bekanntesten

Bürgern Griechenlands und gab uns mit folgendem Interview einen tiefen Einblick in

ihre Arbeit, ihre politischen Ansichten, ihre Beweggründe und die griechische

Medienlandschaft.

Liana Kanelli antwortete auf unsere Fragen mit der in Griechenland üblichen

Emotionalität, die auch in der deutschen Übersetzung erhalten bleibt. Die für

deutsche durchaus drastischen Formulierungen der Sachverhalte gehören in

Griechenland zum Alltag.

B-J: Frau Kanelli Sie sind in Griechenland sehr bekannt als resolute, streitbare

Journalistin. Ihre furchtlose Arbeitsweise könnte als Definition für den

griechischen Ausdruck „Tsampouka“ dienen. Wie würden Sie selbst einem

Unbekannten gegenüber Liana Kanelli beschreiben?

Ihre Definition ist sehr treffend. Ich möchte aber betonen, dass es sich um

eine reife Entscheidung handelt. Ich bin in kleinbürgerlichen Verhältnissen

aufgewachsen.

Meine Mutter gab mir den Rat, dass wenn ich im Leben etwas erreichen

wollte, nicht mit dem Strom schwimmen dürfte. Sie machte mir bewusst,

dass ich meine Kleidung, meine Ausflüge kurz mein Leben von eigenen

Entscheidungen abhängig machen müsste und nicht von

Modeerscheinungen.

Eine derartige Erziehung ermöglicht es, auch im Mediensystem die

Trojanischen Pferde zu erkennen, sie gibt die Kraft auch Zeiten der

Arbeitslosigkeit zu überstehen, und ohne auf staatliche Beihilfen zu hoffen

stets nach neuer Arbeit zu suchen.

Das griechische Mediensystem ist voll von Menschen, die in Ihrer Jugend

politisch links waren, mit Geldern von der Kommunistischen Partei

ausgebildet wurden und nach erfolgter finanzieller Absicherung die

Kommunistische Vergangenheit als „Jugendsünde“ darstellen.

Wenn ich mich beschreibe, verwende ich oft den Vergleich mit Daniel

Cohn-Bendit, der „rote Danny“ hat sich im Laufe der Jahre zu einem

grauschwarzen Herrn Cohn-Bendit gewandelt.

Ich habe mein Leben als Konservative gestartet, als Teil der von Lenin so

bezeichneten „nützlichen Idioten“ und habe mich mit vierzig dazu

entschlossen „rote Schuhe“ anzuziehen. Ich kann also meine linke

politische Eigenstellung nicht als Sünde bezeichnen, es war eine reife

Entscheidung, ich bin „Ein reifes Kind des Zorns“.

Es ist durchaus leichter ein System zu kritisieren, wenn man zuerst selbst

Teil dieses Systems war.

B-J: Sie sind bekannt als leidenschaftliche Frau, die das Leben liebt und die ihre

Meinung vehement vertritt. Ist dies der Auslöser für ihre vielseitige Arbeit in Politik

und Medien?

Sehen Sie, seit Geburt „leide“ ich an dem Syndrom, dass mich der nächste

Tag nicht interessiert.

Ich hatte darüber hinaus während der rechten griechischen Militärdiktatur

das Glück das amerikanische College in Athen zu besuchen, dabei waren

meine Lehrer aus den USA als „Linke“ nach den Vorgängen von Berkeley

vertrieben worden.

Die Lehrer haben mich, ohne es selbst zu merken, in eine eigene 68er-

Revolution eingeführt, eine Revolution ohne Europäische Orientierung,

freier und intellektueller.

Ich verachte eine Gesellschaft, in der es lediglich darum geht, den „Tag

danach“ zu sichern. Eine Gesellschaft, in der jeder davon träumt, dass er

eine Katastrophe in einem sicheren Bunker lange überleben kann und

dann, wenn die Katastrophenwirkung vorbei ist aus seinem Schlupfloch

kommt.

Nein! Meine Leidenschaft für das Leben, die Sie richtig bemerkten, treibt

mich dazu alles Mögliche zu tun, damit es keinen Katastrophenfall gibt.

Der Gedanke, ich könnte eine Katastrophe überleben und danach

feststellen, dass alles was ich liebe nicht mehr existiert und ich allein mit

einigen wenigen Affen auf der Erde hause, ist für mich ein Alptraum. Und

ich liebe vor allem die Menschheit.

Es heißt einen Atomschlag würden lediglich die Küchenschaben

überleben. Ich denke, dass Menschen die wissentlich einen Atomkrieg,

eine katastrophale Reaktorpanne oder eine Naturkatastrophe in Kauf

nehmen, und ihr eigenes Überleben dabei sicher, den Küchenschaben

nicht unähnlich sind.

Darüber hinaus habe ich ein instinktives Verlangen danach, ein Antistar zu

sein. Ich empfinde es nicht als Erfolg, wenn andere darüber entscheiden,

was an meinem Handeln erfolgreich ist.

B-J: Es fällt auf, dass Sie im Fernsehen stets mit einer Zigarette und einer Tasse

Kaffee auftreten, denken Sie gar nicht an Ihre Vorbildfunktion?

Das Rauchen ist eine politische Aussage. Ich habe selbst meinen Ärzten

gegenüber betont, dass selbst wenn ich jemals mit dem Rauchen aufhören

sollte, ich doch stets im Fernsehen mit einer Zigarette auftreten werde.

Denn ich möchte demonstrieren, dass ich mich keinem Zwang beugen

werde.

Ich betrachte es als Zwang, wenn Statistiken und ökonomische

Berechnungen darüber entscheiden sollen, wie ich zu sterben habe. Als

die BBC mich in einem Interview fragte, warum ich trotz Rauchverbots

rauchen würde, dass Rauchen ein langsamer Tod sei, habe ich

geantwortet, dass ich mich nicht beeile zu Sterben.

Gut, ich rauche vor allem weil es mir selbst gefällt, aber beim Gedanken an

den Tod denke ich vor allem daran, dass z.B. der 13 jährige Junge in

Alexinac in Jugoslawien keine Möglichkeit hatte über seinen Tod zu

entscheiden.

Der Tod kam für ihn durch eine Bombe der Natostreitkräfte. Ich finde es

bigott hier über das Rauchen und dessen Gesundheitsgefahr zu

diskutieren, während anderenorts Menschen durch unsere Bomben

sterben.

Ich ziehe dem Bombentod einen Tod durch das Rauchen vor und bin

durchaus gewillt auch dafür ins Gefängnis zu gehen, sollte Rauchen eines

Tages als Straftat gelten.

Es ist für mich unvorstellbar in einer Gesellschaft zu leben, in der ich brav

meine Steuern zahle, zusammen mit den Nichtrauchern eine Regierung

wähle und dann akzeptieren soll, dass die Regierung, die auch mich

repräsentiert, mich am Rauchen hindern soll.

Die Raucherdebatte ist für mich ebenso widersprüchlich wie die

Firmenpolitik von BAYER. Zunächst wurde Heroin verbreitet und nach dem

Verbot wurden weltweit mit Aspirin die Umsatzeinbußen ausglichen.

B-J: Sie haben in Griechenland für das staatliche Fernsehen und die privaten

Rundfunksender, darüber hinaus sind Sie Verlegerin. Welche dieser Tätigkeiten

betrachten Sie vom journalistischen Standpunkt aus betrachtet als erfolgreich im

Sinne Ihrer Ziele?

Ich habe alle privaten Rundfunkanstalten als Journalistin „eingeweiht“. Den

ersten privaten Radiosender ebenso wie den ersten privaten

Fernsehsender. Stets wurde ich als journalistische Frontsprecherin

engagiert.

Was nun meine Verlegertätigkeit angeht, habe ich eine eigene Zeitschrift,

Nemesis. Wie sehr die Zeitschrift tatsächlich mir gehört weiß nur Gott. Die

Zeitschrift habe ich zusammen mit Kollegen gegründet, nachdem zwei

Ereignisse mein Leben erschütterten. Einerseits die Imia Krise, die fast zu

einem Griechisch-Türkischen Krieg geführt hätte, anderseits, der Tod

meines Vaters vier Tage nach Abschluss der Krise.

Mein Vater hat Jahre in deutschen Konzentrationslagern verbracht, ohne

jüdischen Glaubens, Mitglied einer linken Partei oder organisierter

Widerstandskämpfer zu sein. Er wurde festgenommen, ganz einfach, weil

er einen Freund nicht denunzieren wollte. 1947 ist er zu Fuß aus

Deutschland nach Hause gekommen und fand in Griechenland sein

eigenes Grab vor, denn er war zwischenzeitlich für tot erklärt worden.

Er fand auch seinen Freund lebend vor aber ebenso den Denunzianten,

der ihn damals ins KZ geschickt hatte, in ehrbarer Position.

Ich habe daraufhin „Nemesis“ geschworen, [Nemesis= strafende oder

vergeltende Gerechtigkeit]. Das Logo von Nemesis ist eine ionische Münze

aus dem 9. Jh. vor Christus. Nemesis dient einen Gedanken, der

Gerechtigkeit.

Denn wie Aristoteles schon lange vor Huxley und Orwell bemerkte:

„Wenn die Menschen die Lüge als Wahrheit betrachten werden und den

Worten die sie aussprechen andere Bedeutungen zuschreiben als sie

ihrem Gesprächspartner sagen, dann werden die Götter sich auf den

Olymp zurück ziehen und die Menschheit ihrem Schicksal überlassen.“

Nemesis soll der Wahrheit und der Gerechtigkeit dienen. Ich bewundere

die Armenier, die das Attentat gegen Talaat Pascha, einem der

Hauptverantwortlichen des Genozids an den Armeniern die dem

Kodenamen „Operation Nemesis“ bezeichnet haben.

Ich musste schließlich selbst Herausgeberin werden, denn das, was ich

veröffentlichen wollte, wollte kein anderer drucken.

B-J: Das heißt, jetzt fühlen Sie sich journalistisch frei?

Wissen Sie um zu der vorherigen Frage zurück zu kommen, sicher die

Zeitschrift gibt mir viele Freiheiten. Aber was ich nicht zu träumen gewagt

hätte, die politische Funktion gibt mir noch mehr journalistische Freiheiten.

Denn plötzlich kann ich all das, was ich schon immer sagen wollte, in

jedem Fernsehsender sagen. Alles, und zwar ohne dass ich danach

Probleme mit einem Redakteur bekomme.

Denn jetzt repräsentiere ich nicht mehr einen Sender, sondern eine Partei.

Eine Partei, die nach Meinung der Sendeleiter nicht nach

Regierungsmacht streben kann. Ich sorge für hohe Einschaltquoten, mein

Auftritt beschert den Sendern hohe Werbeeinnahmen und wird auch gerne

als Beispiel für eine Meinungsvielfalt vorgebracht. Alle sind plötzlich

zufrieden mit der einst so bösen Frau Kanelli.

Kurz, ich kann jetzt endlich die Presse- und Meinungsfreiheit vollständig

genießen. Allerdings werde ich jetzt für meine journalistischen Recherchen

nicht mehr bezahlt….

B-J: Wie beurteilen Sie allgemein die Freiheit der Presse, in Griechenland und in

der übrigen Welt?

In Griechenland benutzen wir für die Beschreibung der Presse oft den

Ausdruck „Yellow Press“. Seit der Staatsgründung gilt diese Beschreibung

für die Presse Griechenlands. Die einzige griechische Zeitschrift, die

meiner Meinung nach unabhängig von finanziellen Interessen Dritter ist, ist

der Regierungsanzeiger. Der aber druckt nur die Beschlüsse der jeweiligen

Regierung.

Seit der Staatsgründung Griechenlands haben wir mehr oder weniger

einflussreiche „Citizen Caine“. Es gilt ganz einfach der Grundsatz, dass

derjenige, der das Geld hat, auch eine Druckerei, Papier und einige

Journalisten kaufen kann.

Ich bin hoffnungslose Romantikerin, doch die Zeit der Romantik, in der

man sich vorstellen konnte, dass jemand ein Medium gründet um einem

höheren Zweck als dem Mammon zu dienen ist lange vorbei.

Ich vergleiche die griechische Presse gerne mit Napster. Napster wurde

als Netzwerk für den freien Musiktausch „gegründet“. Jetzt zahlen die

einstigen Internetkids mit ihrer Kreditkarte. Nun wird der Erwerb einer

Musikproduktion dreifach belastet, durch die Produktion der CD, durch den

zu finanzierenden Verkaufsapparat, sowie durch die ebenfalls

kostenpflichtige Onlinezeit.

B-J: Wie haben Sie es geschafft, in dieser Medienlandschaft, die Sie

beschrieben haben, zu überleben?

Das hat mehrere Gründe. Griechenland ist ein kleines, überschaubares

Land, und ich gehörte zu einer mittelständischen städtischen Familie, das

gab mir einen gewissen Schutz. Die Stadtbürger Griechenlands wurden

bisher nie verfolgt. Verfolgt wurden die Landbürger und die Arbeiterklasse.

Da darüber hinaus die Arbeiterklasse die meisten Journalisten

hervorgebracht hat, konzentrierte sich das politische System auf diese

Gruppe. Heute sind drei viertel der Rundfunkdirektoren ehemalige

Kommunisten, die nun neoliberale Positionen vertreten. Sagt Ihnen das

etwas?

Ich war die Ausnahme, eine die gegen den Strom schwamm und genoss

daher eine Art Artenschutz. Darüber hinaus hatte ich einen weiteren

Trumpf, ich bin eine Frau, während die meisten Journalisten in meiner

Anfangszeit männlich waren.

Jetzt als Politikerin, genieße ich im Gegensatz zu vielen Politikerkollegen

wieder Artenschutz. Denn ich gehöre weder zu denen, die sich über die

Politik profilieren müssen, ich war vorher schon prominent. Noch habe ich

es nötig gehabt mit der Politik Geld zu verdienen, denn als Journalistin

verdiente ich mehr.

Es ist bezeichnend, dass mir Kollegen vom Rundfunk vorgehalten haben,

ich wäre in einer Klimakteriumskrise, und würde deshalb plötzlich für die

kommunistische Partei in die Politik gehen. Zunächst war ich sogar für

mehr als zwei Jahre Persona non grata bei den großen Sendeanstalten.

Das hat sich allerdings schnell geändert, da die kleineren Sender in dem

kleinen Land gleiche Reichweiten haben, und plötzlich sehr hohe

Einschaltquoten hatten, wann immer ich auf den Bildschirmen war.

B-J: Könnte man das Phänomen Kanelli auch auf deutsche Kollegen übertragen?

Der Journalismus in Deutschland sieht sich mehr und mehr durch die

Konzentration der Medien auf wenige Verleger in seiner Freiheit bedroht.

Nein, das ist nicht möglich. Deutschland ist zu groß. Ein wahrhaft

unabhängiger Journalismus kann höchstens unter sehr schwierigen

Bedingungen mit einer Guerilla-Taktik in Nischen überleben. Um es hart

auszudrücken, es geht im Prinzip nicht darum, dass Journalisten finanziell

überleben, sondern darum dass der Journalismus als solches überlebt.

Die europäische Gesetzgebung nach den Maastrichter Verträgen schützt

vor allem die Unternehmer, die als Investoren auftreten. Ein romantischer

Journalist, der seinen Idealen treu bleiben möchte und daher gegen den

Strom schwimmt, wird sehr tiefe finanzielle Einbußen hinnehmen müssen.

Die Medienkonzentration ist doch nicht das einzige Problem. Wenn eine

Person einen Fernsehsender, ein Radio und eine Zeitung besitzt hat er

nicht unbedingt Macht. Macht erlangt er dadurch, dass er in – selbst wenn

er nur ein einziges Medium besitzt – in seinem Medium Menschen

beschäftigt, die nicht nur für ihn arbeiten, sondern kritiklos für ihn

sprechen. Dann gibt es tatsächlich die Gefahr einer mafiösen Struktur.

Ich vergleiche die Situation mit der Mafia, weil die Mafia als solche ein

interessantes Studienobjekt darstellt. Wir können viel über

Machtkonzentration lernen, wenn wir die Methoden der Mafia untersuchen.

Denn, in dem Moment in dem der Staat die Einkommensgrundlage der

Mafia zerstörte, indem er z.B. die Prostitution besteuerte, und die Drogen

legalisierte, sah sich die Mafia gezwungen selbst die Repräsentation in

staatlichen Stellen zu suchen. Das Gleiche sehen wir nun in weltweiten der

Medienlandschaft.

In Griechenland sind wir leider einen Schritt weiter, hier ist es nicht mehr

nötig, sich in Medienkonzerne einzukaufen, um die Politik des Landes zu

beeinflussen. In Griechenland kann bald nur derjenige Abgeordneter

werden, der über genügend finanzielle Mittel verfügt.

Für die Meinungsbeeinflussung in Griechenland reicht ein einziges

Medium durchaus.

B-J: Wie beurteilen Sie selbst die jüngste Skandalserie. Die komplette Regierung,

Oppositionspolitiker, die militärische Führung und Bürger wurden abgehört. Im

Rahmen der Terrorbekämpfung wurden mehrere unschuldige Pakistanis unter

Beteiligung britischer Geheimdienstmitarbeiter verschleppt. Wie sehen Sie die

Rolle der Medien?

Griechenland befindet sich in einem Übergangsstadium. Nachdem der

britische Offizier Russel Saunders von den Terroristen des 17. November

erschossen wurde, sind wieder ins Blickfeld der britischen Geheimdienste

gelangt. Die britischen Geheimdienste waren bereits vor 1947 intensiv in

Griechenland tätig, wurden aber von den Amerikanern abgelöst. Aktuell

haben die Amerikaner kaum ein Interesse an Griechenland. Amerikas

Interessen sind weiter östlich konzentriert.

Ich sehe die ganzen Skandale in einem globaleren Zusammenhang,

schließlich sind schwedische Firmen, englische Unternehmen und

Amerikaner daran beteiligt. Alle Beteiligten Firmen sind außerhalb der

Eurozone beheimatet.

Ich denke, dass es sich nicht um ein plötzliches Interesse an Griechenland

handelt, sondern eher um ein Interesse an einem turnusmäßigen

Weltsicherheitsratsmitglied aus der Eurozone.

Ich frage mich nach dem Nutzen der Skandale und vor allem nach dem

Nutzen, der aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung darüber gezogen wird.

Seit mehr als 11 Monaten war der Regierung der Abhörskandal bekannt,

jetzt wird er plötzlich publiziert. In dem ganzen Chaos um den

Abhörskandal ist vollkommen untergegangen, dass die Regierung mit

Microsoft einen Exklusivvertrag über die Betriebssysteme aller

Behördencomputer geschlossen hat. Es wurde gar nicht bemerkt, dass ein

Vertrag mit Gazprom über eine Gaspipeline geschlossen wurde.

Selbst die ökonomische Politik der Regierung hinsichtlich der

Lohnerhöhungen, die immer ein sehr heißes Thema war, ist überhaupt

nicht beachtet worden. Zum ersten mal in der Geschichte wurde einfach

eine per Fax geschickte Pressemitteilung der Regierung unkommentiert

veröffentlicht.

B-J: Könnten Sie sich vorstellen, in einem anderen Land als Griechenland zu

Leben? In einem Land, dass Ihnen all das bietet, was Ihnen in Griechenland

fehlt?

Bis heute halte ich mich an den Nobelpreisträger Odysseas Elyti, „Heimat

ist meine Sprache“. Ich fühle mich überall dort zuhause, wo ich mich

verständigen kann. Die Sprache ist die letzte Identitätsbastion einer

Nation. Daher geben die mächtigeren Staaten mehr Geld für die

Verbreitung Ihrer Sprache aus als die kleineren. Ich lebe in einem Land mit

gigantischem Kulturerbe, mit einer deutschen, einer englischen und einer

amerikanischen archäologischen Schule vor Ort. Es gibt ein Goethe

Institut, amerikanische Schulen, British Institute, alle sind hier vertreten. Es

gibt aber keine griechische Ausgrabungsgruppe in Utah.

Sie können keinen Geheimagenten finden, der in einem fremden Land

ohne die Mithilfe Einheimischer arbeiten kann, nicht weil er etwa unfähig

ist, sondern weil er sich ganz einfach mit dem Volk nicht verständigen

kann.

Es ist einfach ein Volk zu erobern, es zu unterdrücken erfordert jedoch die

Kenntnis von Kultur und Sprache. Das gilt überall. Man sollte nicht

vergessen, dass zum Beispiel Stalin im Vielvölkerstaat Sowjetunion

zunächst Kommissar für Nationalitätsfragen war.

Es verwundert nicht, dass direkt nach dem Zerfall der Sowjetunion

Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Georgien usw. entstanden. Die

Nationen haben das zentralistische System Dank des Erhalts ihrer

Sprachen überlebt.

Ich denke, dass auch die USA in naher Zukunft ein Minderheitenproblem

mit der spanischsprachigen Bevölkerung haben werden.

B-J: Stichwort, Olympische Spiele 2004 in Athen. Was haben die Spiele in

Griechenland bewirkt? Hat sich die politische und ökonomische Situation der

Griechen verbessert.

Kanelli: Admiral von Canaris hat angeblich im Zweiten Weltkrieg den

Befehl, Griechenland zu erobern, mit den Worten „Es gibt kein

Griechenland, es gibt nur Griechen“ kommentiert.

Sie Fragen nach dem Nutzen für Griechenland? Welches Griechenland?

An den Spielen haben einige Unternehmer verdient, die Griechenland

scheibchenweise verkauft haben.

Der einfache Bürger hatte keinen Vorteil. Wurden privat Zimmer vermietet,

lieben die Ausländer plötzlich Griechenland? Sind die Griechen im Ausland

nun selbstbewusster als vorher? Hat jemand etwas über Griechenland

gelernt?

Diese volksfestartige Kommerzveranstaltung habe ich bereits bei der

Vergabe an Athen kritisiert. Am Tag, an dem Griechenland den Zuschlag

der Spiele erhielt, war ich als Journalistin in Moskau um dort ein

Musikkonzert eines griechischen Künstlers zu besuchen. Ich brach bei der

Nachricht in Tränen aus.

Die anwesenden russischen Kollegen dachten ich würde wegen des Todes

von Lady Diana, die zwei Tage vorher beerdigt wurde, weinen.

Es ist doch charakteristisch, dass es den griechischen Zuschauern beim

Fackellauf untersagt war, griechische Fahnen zu schwenken. Stattdessen

wurden die Fähnchen der Sponsoren verteilt.

B-J: Und was ist mit den für die Spiele in Athen angebrachten

Überwachungssystemen geschehen?

Die Kamerasysteme sind geblieben. Angeblich werden damit

Verkehrsverstöße, Terroristen und Agenten aufgespürt. Jeder

Bürgermeister, der sich gegen die Totalüberwachung wendet, hat

Probleme mit der Justiz. Ich weiß nicht, ob unter diesen Umständen eine

Firma wie Vodafone für die Verwicklung in den Abhörskandal angeklagt

werden kann.

B-J: Was wünschen Sie sich für Europa und Griechenland? Was sind Ihre

persönlichen Wünsche für die Zukunft.

Persönlich habe ich keinen Ehrgeiz. Ich möchte nicht Anführerin eines

Trends werden, ich möchte vielmehr als Anhänger einer Idee. Ich möchte

selbst mit 52 noch die Welt verbessern, aber niemand kann so etwas

alleine durchführen.

Ich träume von einem wirklich demokratischen Europa, ohne Spur von

Feudalsystemen. Dabei habe ich einen persönlichen Traum, ich würde

gerne eine Organisation gründen, die sämtliche Adelstitel und

Adelsfamilien abschafft. Kein „von“, „van“ oder „Sir“ mehr, auch nicht in

übertragenem Sinn.

Denn selbst in angeblich ständefreien Staaten, wie den USA gibt es

mittlerweile Adelssysteme, den Kennedy Clan, die Familie Bush – wir

Griechen haben die Familien Papandreou und Karamanlis. Das alles

erinnert an eine weltweite Reality-Show-Verfilmung der Fernsehserie

„Denver Clan“.

Ich möchte in diesem Europa, von dem ich träume, einen Kaffee mit einem

deutschen Kollegen trinken können und mit moderner elektronischer

Übersetzung-Technologie, welche die Sprachbarriere überwindet einen

freien Informationsaustausch führen.

Ich bin immer noch Anhängerin der Chaostheorie, und hoffe immer noch

inständig, dass ein kleiner Schmetterlingsflügelschlag hier die ganze Welt

verbessern kann.

B-J: Was möchten Sie den deutschen Lesern zum Abschluss auf den Weg

geben? Sie wissen, in Deutschland gibt es mittlerweile eine CDU Kanzlerin. Wie

kommentieren Sie das? Wie haben Sie die Wiedervereinigung empfunden?

Ich bin gläubige Christin, allerdings in einer sehr eigentümlichen Form. Zu

Zeiten der Christenverfolgung wäre ich sicherlich auch verfolgt worden. Ich

habe mal gehört „Christus lebt, Marx ist tot“, ich fürchte oft, dass Christus

lange vor Marx gestorben ist.

Als zum Beispiel der Papst starb, hat er mehr als einen einfachen Mantel

als eigenen Besitz ins Grab mitgenommen. Stalin aber, besaß nur seinen

Mantel.

Ich bewundere die deutsche Sprache und liebe den Satz von Goethe:

„Licht mehr Licht!“. Man könnte den Satz als mein Lebensmotto nehmen.

Frau Kanelli, wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte: Karl Wassilios Aswestopoulos

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